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Trotz, trotzig

 
Also wenn in Linguee und anderen On-line-Wörterbüchern trotzig mit defiant oder stubborn ins Englische oder mit rebelde, tozudo, testarudo oder desafiante ins Spanische übertragen wird, fehlt mir die kindische, widerspenstige Komponente ganz entschieden. Es kommt die Tatsache zu kurz, die für mich im Deutschen evident erscheint, nämlich dass, wer sich trotzig verhält, sich damit automatisch ins Unrecht begibt. Trotz ist nicht nur Dickköpfigkeit; wenn man etwas aus Trotz macht, macht man es nicht nur aus Sturheit, sondern auch, weil man sich so sehr im Recht wähnt, dass man evidente und unvermeidliche Nachteile billigend in Kauf nimmt, um sich unreflektiert überlegen zu fühlen. Die Einstellung ist im Spanischen und Englischen durchaus bekannt, wie weit verbreitete Ausdrücke wie: ¡Que se joda el Capitán, hoy no me como el rancho! auf Spanisch oder to cut your nose to spite your face auf Englisch zeigen. Dennoch finde ich selbst Umschreibungen wie out of spite oder por llevar la contraria auch nicht zutreffend, obwohl darin das Element des sich automatisch ins-Unrecht-setzens eher durchschimmert. Also, die Idee ist bekannt, aber wie lautet das jeweilige Wort dafür?
Allgemein könnte man Trotz mit Spite (EN) und daraus despecho (ES) und dispetto (IT) vergleichen. Subtil...

Kommentare

 
Am 27.09.2014 um 04:55 von PParam
Im Spanischen hat die "terquedad" (bzw. der "terco") dieses eselhafte Verrannte, mit dem man Dinge tut, von denen man weiß, dass sie einem schaden, und an denen man umso hartnäckiger festhält, je lauter andere warnen.
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untrans.eu
Am 27.09.2014 um 05:43 von Jordi
Vielen Dank für Deinen Vorschlag, PParam! Finde ich nicht schlecht, obwohl ich \"terquedad"\ eher mit Sturheit als mit Trotz übersetzen würde. Siehst Du auch einen Unterschied zwischen Sturheit und Trotz? Oder ist der Unterschied für Dich nur eine zweitrangige Nuance? Die spanische Redewendung zum Thema wäre für mich "terco como una mula" (also: stur wie ein Esel), das trotzige assoziiere ich eher mit dem Verhalten eines Kleinkindes.
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Am 28.09.2014 um 09:04 von PParam
Im Grunde muss man ja erstmal klären, was Trotz denn im Deutschen ist, und was nicht, und in dem Zusammenhang möchte ich eine Lanze für den Trotz brechen. Den Gedanken, dass sich jemand mit Trotz "automatisch ins Unrecht begibt" finde ich nämlich sehr zweifelhaft. "Ottos Mops trotzt" -- aber hat er nicht alles Recht dazu?

Das Grimmsche Wörterbuch lässt vermuten, dass es sich beim Trotz zunächst einmal um einen Widerstand ganz allgemein handelt. Es definiert Trotz in erster Linie als "Herausforderung, Drohung, Widerstand, Mut, Stolz" und in zweiter Linie als "als bewusste Kränkung, Schmähung, die jemandes Unwillen erregt"; hier zitiert es die unvermeidlichen Tischreden: "Luther hat oft gesagt: wenn er auf dem bette stürbe, so sei es dem papst eine grosze schande und trotz". Wichtig ist auch die Bedeutung "Widerstandswille, Unnachgiebigkeit, Hartnäckigkeit, Widerspenstigkeit, Eigenwille", die im Nhd vielleicht eher in der Schreibweise "Trutz" (wie "Trutzburg") nachklingt. Dass der Trotz dem Getrotzten nicht gefällt, ist wohl klar -- aber vom Unrecht des Trotzenden ist hier keine Spur.

Der Duden definiert Trotz als "hartnäckiger [eigensinniger] Widerstand gegen eine Autorität aus dem Gefühl heraus, im Recht zu sein". Auch hier nichts von Unrecht, sondern im Gegenteil die Vorstellung des Rechthabens auf Seiten des Trotzenden.

Das alles klingt also nicht nach einem unrechtmäßigen Widerstand, sondern eher nach einem "Hier stehe ich, ich kann nicht anders". Buchstäblich stehen, denn es ist ein Begriff, der zunächst einmal keine aktive Aggression beinhaltet, sondern ein Dagegenstehen. Das mag für den anderen, der sich natürlich ebenfalls im Recht sieht, unangenehm sein, aber es liegt nunmal in der Natur des Widerstandes, dass er demjenigen, gegen dessen Absichten er sich richtet, nicht gefällt. Man könnte jetzt der Frage nachgehen, warum hier der Trotz mit dem Unrecht des Trotzenden assoziiert wird, und ob es sich um eine persönliche Assoziation handelt oder um eine kollektive, aber das ginge zu weit in Richtung Psychologie oder Soziologie. Jedenfalls faszinierend, wie entlarvend die Beschäftigung mit der Etymologie sein kann.

Etwa an diesem Punkt könnte man sich erste Gedanken über eine Übersetzung machen. Wenn man Trotz als einen gerechtfertigen, wenngleich missliebigen Widerstand versteht, dann kommt "spite" überhaupt nicht in Frage, denn "spite" unterstellt eine boshafte Absicht. "out of spite" zu handeln impliziert eine gewisse Niedertracht (schönes Wort) und den Wunsch, dem anderen zu schaden. ("O spite! O hell!"). Am ehesten trifft es vielleicht "defiance" und "defy". Dieser Begriff kommt vom lateinischen "disfidare" und war ursprünglich negativ besetzt als Abwendung vom (wahren) Glauben, aber mit der Reformation wurde diese Abwendung gerechtfertigt als Behauptung des Individuums gegen irrationale Autoritäten und abergläubische Vorstellungen -- "then I defy you stars!" sagt Romeo in Auflehnung gegen das Schicksal. In "defiance" klingt der Aspekt der Rebellion und Auflehnung stärker durch als im "Trotz", der eher passiv-abwehrendes als aktiv-aufbegehrend ist, aber wir kommen der Sache schon näher.

Das ist ein wunderbar unterhaltsames Spiel, das man sicher endlos weitertreiben könnte. Gute Quellen sind woerterbuchnetz.de, und fürs Englische etymonline.com oder johnsonsdictionaryonline.com. Schöne Seite und vielen Dank für diese unterhaltsame halbe Stunde!
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untrans.eu
Am 28.09.2014 um 11:08 von Jordi
Ich habe zu danken, gern geschehen! Sehr schön geschrieben, unterhaltsam und lehrreich. Kudos! Danke auch für die Links.
Darüber, was persönlich und was kollektiv assoziiert wird, ja, darüber werde ich nachdenken. Könnte spannend sein. Prinzipiell erhebe ich mit diesem Blog keinen Anspruch auf Objektivität oder gar Wissenschaftlichkeit. Unterhaltsam? Ich freue mich!
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Am 13.04.2016 um 11:49 von Anselmo Lupo
¡Contumacia! O sin tu macia, da igual
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untrans.eu
Am 13.04.2016 um 12:05 von Jordi
Ajá. Bockig y trotzig, otra distinción sutil...
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