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Transferunion

Um zu verdeutlichen, wie wichtig der Begriff der Transferunion für Deutschland ist, reicht eine kurze Internetsuche. Cicero schreibt,  dass Europa auf den Weg zur Zwangssolidarität sei, The European schreibt, dass die Rechtsbrüche bereits Realität seien (Lost in Europe, auch wenn der Artikel auf Deutsch verfasst ist), Die Siftung Wissenschaft und Politik versucht die Dramatik einzudämmen indem sie „Transferunion“ in Gänsefüßchen schreibt in einem „Beitrag zur Entdramatisierung“, The European schiebt nach mit einem Beitrag über Rechtsbrüche in der Transferunion, Hans-Werner Sinn schwadroniert über „unbegrenzte Bürgschaften“ und „fiskalische Nord-Süd Transfers“, und schiebt in Project Syndicate hinter einer Zahlschranke nach, dass es einem grausen kann, und die Wirtschaftswoche unkt, Deutschland würde immer mehr Geld nach Europa zahlen. Und das sind nur die Ergebnisse der ersten Seite meiner Google-Suche, wenn wir noch die AfD zu Wort kommen lassen, finden sich als harmloseste Beiträge Bilder wie dieses, mit dem Anspruch, ein Meme zu werden und als schlimmste welche, mit denen ich meine Seite nicht besudeln möchte.

Zur Klarstellung möchte ich hinzufügen, dass ich das AfD Bild nur aus Anschauungsgründen wiedergebe, es sage mir bitte keiner nach, ich unterstütze diese Panikmache.

Also, worum geht es? Es geht darum, dass viele Deutsche sich fürchten, immer mehr Geld (siehe: Fass ohne Boden) in die anderen Länder der EU überweisen zu müssen, besonders die Länder aus dem Süden1 (siehe: PIGS, nicht von Pink Floyd, sondern als abwertende Abkürzung für Portugal, Italien, Griechenland und Spanien). Weil die Deutschen bekanntlich fleißig und sparsam sind, die Südländer jedoch faul und verschwenderisch. Auch weil die Deutschen das Trauma der Inflation vor bald hundert Jahren nicht überwunden haben (wirklich nicht? Ich kenne niemanden, der diese Zeit persönlich erlebt hat, obwohl es schon stimmt, dass die Folgen desaströs waren; politisch, wirtschaftlich, militärisch und moralisch. Aber war es so einfach?).

Wie dem auch sei, hier geht es um Übersetzbarkeit. Also, wie übersetzt man dieses Schlagwort gewordene Schreckgespennst, dass um Deutschland herum geht? Denn die Deutschen benutzen dieses Wort gerne als Argument und wissen, was sie damit meinen. Aber gibt es das Wort auf Spanisch oder auf Englisch, und wenn ja, verstehen es die Verhandlungspartner? Ich begebe mich zu Linguee und finde auf Englisch immer wieder transfer union als Übersetzung, was mir logisch erscheint. Das Problem entsteht jedoch, wenn ich wieder auf Google auf Englisch nach „tranfer union“ suche: von den nur 81.000 Treffern, die angegeben werden, sind die auf der ersten Seite: das Handelsblatt in seiner Englischausgabe, Politico in seiner Englischausgabe, Hans-Werner Sinn (wie macht er das bloß? Immer ganz weit oben in den Suchergebnissen zu sein ist doch nicht einfach), eine Seite der N-VA, die flämischen Faschos, die ich nicht verlinken möchte (das Bild oben ist schlimm genug), ein Artikel der Finantial Times, wo Frau Merkel zitiert wird, wo man also das Wort benutzen musste, und eine Pressemitteilung der Linken im Europäischen Parlament auf Deutsch, wo wohl irgendwo das Wort auf Englisch auftauchen wird (nein, ich habe mir das nicht durchgelesen) und so von Google gefunden wurde und drei Übersetzungsseiten, die eben dieses Wort übersetzen.

Und Spanisch? Unión der Transferencia vielleicht? Linguee findet da tatsächlich nur sechs Ergebnisse und die variieren zwischen unión de tranferencia (212 Ergebnisse bei Google, die meisten haben mit dem Thema nichts zu tun, ein Beitrag ist von der AfD ins Spanische übersetzt, zählt also nicht wirklich als Spanisch, die anderen sind erneut von Übersetzungsseiten, das wird langsam rekursiv), unión de transferencias (350 Ergbenisse bei Google, Nummer zwei... Hans-Werner Sinn. Dazu sage ich nichts mehr) und unión de las transferencias (70 Ergebnisse bei Google). Ich glaube, das zeigt deutlich, dass der Begriff den Spaniern (und eigentlich den Briten) wenig bis gar nichts sagt. Wenn man es also so übersetzt, wie es nahe liegt, versteht unser Gegenüber Bahnhof.

Ich weiss nicht, ob man eine bessere Übersetzung braucht, genauso wenig weiss ich, ob der (Kampf)Begriff gerechtfertigt ist, so, wie er in Deutschland benutzt wird - das herauszufinden ist zum Glück nicht meine Aufgabe. Was ich ganz sicher weiss ist, dass die deutschen Politiker, denen dieser Begriff so wichtig ist, eine Menge Aufklärungsarbeit vor sich haben, bevor man sie überhaupt versteht. Und wenn man sie nicht versteht, werden sie niemanden überzeugen können.

Ich glaube nur nicht, dass ihnen das bewusst ist. Ich sehe schwarz für die zukünftige Eurodebatte. Klingt wie der Brexit, ist eh' aktueller. Ich hoffe, wenigstens da sitzen wir am längeren Hebel.

1 Auch innerhalb der Bundesrepublik Deutschland gibt es ähnliche Klagen: Manche Bundesländer meinen, der Länderfinanzausgleich sei ungerecht und fordere nur das Schmarotzertum ärmerer Bundesländer, besonders Berlins: Anderseits war früher Bayern ein Nettoempfänger, der Länderfinanzausgleich hat dort seinen Zweck erfüllt

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