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Satisfaktionsfähig


Wenn zwei sich nicht leiden können, kann es zum Streit kommen. Früher wurden diese Streitigkeiten, wenn die Teilnehmer hochwohlgeboren genug waren, im Duell mit der Waffe entschieden, Studenten benutzten Säbel, Offiziere Pistolen. Das war eine vielversprechende Methode, um den Adel auszudünnen: wenn zwanzig Verdoppelungen mathematisch ausreichen, um aus einer eins über eine Million zu machen, dann sollten zwanzig Halbierungen ebenfalls ausreichen, um aus einer Million einen einzigen letzten Adeligen zu machen. Leider hat es nicht so elegant geklappt und die Adeligen wurden in Deutschland erst mit dem ersten Weltkrieg signifikant dezimiert. In Spanien gibt es heute noch zu viele, vom Königshaus abwärts (es un decir) und in Großbrittanien sieht es leider nicht viel anders aus. Frankreich hatte es in dieser Hinsicht seit 1789 besser. Dafür bekamen sie ganz andere Probleme, das Leben ist hart.

Wenn die Streithähne jedoch nicht auf derselben sozialen Stufe standen, dann war in den Augen des Höherrangigen der Niederrangige nicht satisfaktionsfähig, d. h., eine Beleidigung des Höherrangigen durch den anderen war nicht möglich, der Versuch musste nicht beachtet werden, der Affront, ob gewollt oder ungewollt, zielte ins Leere. Die mangelnde Satisfaktionsfähigkeit konnte ganzen gesellschaftlichen Gruppen in toto attestistert werden, so zum Beispiel in der Waidhofener Erklärung, in der am 11. März 1896 in Wien die sog. Studentenverbindungen Juden von der Austragung von sog. Ehrangelegenheiten (Duelle) ausschlossen und sie damit generell für nicht satisfaktionsfähig erklärten. Ich hätte mich geehrt gefühlt, aber die Juden sahen es als antisemitisch an. Es war auch so gemeint, aber es beleidigt ja nicht wer will, sondern nur wer kann.
Heute würde ich sagen, dass wenn mich jemand für nicht satisfaktionfähig erklären würde, dieser Mensch sich damit als selber nicht satisfaktionsfähig zu erkennen gegeben hätte. Ich denke gerade an Menschen, die durch Dresden marschieren und den Protestschrei „Wir sind das Volk!“ geklaut haben, wieso wohl? Menschen, die sich weigern, mit der Presse zu reden, weil sie „alle gekauft sind und alles Lügner! (das wird ja wohl noch sagen dürfen?), und die Politiker erst! Alles Ganoven und Verräter am eigenen Volk! Also mit solchen Leuten braucht man sich nicht abzugeben!“

Eben! Der Vorwurf fällt postwendend auf sie zurück. Gar nicht erst ignorieren. Es ist nur Ramsch: eine aus nichtigem Grund ausgesprochene Forderung, schon damals als Unsitte erkannt und verachtet. Mit Provokationen wurde der ausgemachte Gegner zu Äußerungen gebracht, die als Beleidigung und damit als Grund für einen Ehrenhandel aufgefasst werden konnten. Der Ramscher ist eine despektierliche Bezeichnung. Nach dem Ersten Weltkrieg beurteilten die Ehrengerichte das Ramschen meist mit Revokation und Deprekation. Das ist das einzige, was von diesem ganzen Satisfaktionsunsinn wieder einführt weden könnte: Revokation und Deprekation der Ramscher.

Die einzige Frage, die sich mir noch stellt, ist, wie man satisfaktionsfähig bzw. -unfähig auf spanisch oder englisch sagen mag. Falls mich jemand aus diesen Sprachräumen fragen sollte, wer diese Menschen sind, die eine Gefahr der Islamisierung in Sachsen sehen, könnte ich etwas sagen. Heute bin ich noch sprachlos.

Update: Man darf bei Satisfaktion die Rolling Stones nicht vergessen, sie bekamen bekanntlich keine. In solchen Fällen ist ein Lied das beste, was man aus einer verfahrenen Situation machen kann, keine Frage.

Kommentare

 
Am 13.10.2016 um 02:53 von Wolfgang Merz
Schön, dass in diesem Zusammenhang die Stones nicht vergessen wurden.
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untrans.eu
Am 13.10.2016 um 03:00 von Jordi
Guten Tag Herr Merz! Schön, Sie hier zu sehen, fühle mich geschmeichelt. Ja, die Stones, die ganz frühen. :-)
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