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Fremdwort

Gewiß, man muß Fremdwörter nicht gerade dort gebrauchen,
wo es nicht notwendig ist,
und man muß nicht unbedingt von Kretins sprechen,
wo man es mit Trotteln zu tun hat.
Karl Kraus
Gedichte und Aufsätze zur Deutschen Sprache.

Wenn Ausländer die deutsche Sprache erlernen, machen sie, genügend Aufmerksamkeit vorausgesetzt, schnell mit einem unheimlichen Phänomen Bekanntschaft: dem Fremdwort. Eine merkwürdige Sache ist so ein Fremdwort. Es ist Deutsch, aber dann doch nicht. Es ist ausländisch, wird aber geschätzt: Seine richtige Anwendung gilt als Zeichen von Bildung und höherer Kultur. Aber wehe man benutzt zu viele davon! Dann gilt man schnell als Snob oder Angeber. Besonders volkstümliche Politiker sollten damit also vorsichtig umgehen.
Es gibt für ein Fremdwort im Deutschen fast immer ein anderes Wort germanischen Ursprungs, womit man dasselbe ausdrücken kann. Nicht jedes ausländische Wort, wofür es ein Synonym gibt, gilt jedoch als Fremdwort, das wäre zu einfach. Zum Beispiel sind die urdeutschen Wörter für »Telefon« Fernsprecher, für »Sex« Geschlechtsverkehr, für »Adresse« Anschrift, aber niemand wird behaupten, dass »Telefon«, »Sex« (selbst in Kombination: »Telefonsex«) oder »Adresse« Fremdwörter seien. Ein anständiges deutsches Fremdwort hat mindestens eine lateinische oder griechische Wurzel, wenn nicht gar beide Wurzeln in Kombination. Trotzdem gilt »Telefon« nicht als Fremdwort. Auch die Tatsache, dass das Wort »Sex« lateinischen Ursprungs ist, reicht nicht aus, um es als Fremdwort zu qualifizieren. Vermutlich denken viele, das Wort sei englisch. Das ist natürlich Quatsch. Bei Sex und Engländer fällt mir nur ihr (der Engländer) eigener Ausspruch ein: „No sex please, we are Britisch!“ Oder sie (die vielen, nicht die Engländer) denken vielleicht, dass ein Fremdwort mehr als drei Buchstaben haben müsse.
Fremdwörter sind nicht einfach Lehnwörter. »Amok« ist kein deutsches Wort, es ist aus dem Malaysischen entlehnt und hat kein deutsches Äquivalent. Es zählt nicht zu den Fremdwörtern. Jedenfalls nicht für mich, ganz subjektiv.
Was ich an Fremdwörtern besonders bemerkenswert finde, ist, dass andere Sprachen sie nicht haben und wenn sie sie haben (siehe weiter unten), sie sie nicht als solche erkennen. Sie haben nur Lehnwörter. Sie unterteilen die eigene Sprache nicht in Wörter, die wirklich eigen sind und solche, die es nicht ganz sind aber dennoch schon. Dementsprechend haben andere Völker auch kein Wort für Fremdwort, und deswegen ist der Begriff unübersetzbar. Jetzt kann man sich fragen, ob die anderen Völker und Kulturen der Welt diesen Begriff benötigen und wenn ja, wozu. Wenn man bedenkt, dass Fremdwörter oft nur zum Zwecke der Angeberei benutzt werden, dass die Abgrenzung Fremdwort – nicht Fremdwort schwammig bis willkürlich ist, und dass die meisten Deutschen sich der Sonderstellung dieses Begriffs gar nicht bewusst sind, bin ich mir nicht sicher, ob die Verbreitung dieser Wortkategorie ins Ausland wirklich sinnvoll ist.
Andererseits lese ich in „The Devil’s Dictionary“ von Ambrose Bierce aus dem Jahr 1906 folgende Definition von Freedom: „[…]
Liberty.The distinction between freedom and liberty is not accurately known; naturalists have never been able to find a living specimen of either“. Auch Englisch kennt also das Problem, dass es für einen einzigen Sachverhalt zwei Wörter gibt, wovon eines germanisch und das andere lateinischen Ursprungs ist.
An anderer Stelle habe ich bereits den Unterschied zwischen speed und velocity erläutert. Etwas Ähnliches passiert mit den Begriffen safety und security, eine Unterscheidung, die ebenfalls nicht leicht zu übersetzen ist. Im Englischen gibt es also durchaus Fremdwörter. Der Begriff des Fremdworts ist im englischen (bzw. im spanischen, ja gerade im spanischen) jedoch nicht geläufig. Dennoch – oder gerade deswegen – sollten Fremdwörter in diesem Blog nicht unerwähnt bleiben. Hier stehen sie also nun, es ging nicht anders.

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