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Finderlohn

Eine merkwürdige Sache ist so ein Finderlohn. Dankbarkeit ist eine weltweit anerkannte Tugend, aber damit über das Ausmaß an gebührender Dankbarkeit kein Streit entsteht, legt der Gesetzgeber in Deutschland und in Österreich fest, wie sich Dankbarkeit bei Fundsachen in Euro ausdrücken lässt. Nach § 971 des BGB stehen dem ehrlichen Finder eines Gegenstandes mit einem Wert bis zu 500 € 5% des Wertes desselben zu. Wenn der Wert des gefundenen Gegenstandes hingegen 500 € übersteigt, stehen dem ehrlichen Finder 25 € (das entspricht 5% von 500 €) zuzüglich 3% des Wertes jenseits der 500 € zu. In Österreich ist es komplizierter, denn dort unterscheidet das Gesetz zwischen verlorenen und vergessenen Gegenständen. Fragen Sie mich bitte nicht, wie der Gesetzgeber es fertigbringt, zwischen diesen beiden Vorgängen zu unterscheiden. Das stelle ich mir schwierig vor, besonders angesichts der Tatsache, dass es sich bei beiden um unfreiwillige Handlungen handelt. Dafür ist der österreichische Gesetzgeber großzügiger als der deutsche (§ 393 und § 393 Abs. 1 ABGB): Bei Gegenständen mit einem Wert bis 2.000 € beträgt der Finderlohn bei verlorenen Fundsachen 10% des Wertes, über 2.000 € werden zusätzlich 5% des Wertes verordnet, bei vergessenen Fundsachen beträgt der Finderlohn die Hälfte.
Die Schwierigkeit bei der Übersetzung des Begriffs Finderlohn besteht darin, dass es diesen Tatbestand im spanischen und im englischen Recht nicht zu geben scheint. Ich habe jedenfalls nichts dazu gefunden. Gut, zugegeben, als Tatbestand käme der Begriff der Fundunterschlagung eher infrage als der Finderlohn selbst, aber da sich das eine vom anderen ableiten ließe, möge man mir die mangelnde juristische Trennschärfe verzeihen. Dafür würde mich brennend interessieren, wie man denn nun Finderlohn auf Spanisch oder auf Englisch ausdrückt. Das kann doch nicht sein, dass nur Deutschland und Österreich per Gesetz regeln, wie ein ehrlicher Finder und ein erleichterter Verlierer sich zueinander zu verhalten haben. Wenn die Schweiz es mit Deutschland und Österreich hält, kann die Lösung nicht weit sein, denn dann gäbe es im Amtsblatt eine Übersetzung ins Französische, Italienische und Rätoromanische. Das wäre doch schon ein Anfang. Befindet sich unter der werten Leserschaft evtl. ein Schweizer Jurist? Oder hat sonst jemand eine Ahnung, wie wir verfahren sollten? Wer eine Lösung findet, der bringe sie bitte unverzüglich an seinem rechtmäßigen Eigentümer zurück. Die Höhe des Finderlohns wird nach dem ideellen Wert der Fundsache festgelegt.
PS: Wenn der Journalist seine Arbeit richtig gemacht hat, scheint es in Norwegen auch keinen Finderlohn zu geben, sonst ergibt der Schlusssatz im folgenden Artikel keinen Sinn: „Die beiden Jugendlichen hätten in jedem Fall eine Belohnung verdient.“ In Deutschland und Österreich hätten sie keine Belohnung verdient, sie hätten per Gesetz ein Recht darauf.

Update:
Die Briten kennen definitiv keinen Finderlohn und sind sogar empört, dass man per Gesetz dazu verpflichtet sein könnte, Finderlohn auszuzahlen, wie man an diesem Artikel und den dazugehörigen Leserkommentaren sehen kann. Die Wut finde ich erstaunlich.

Kommentare

 
Am 11.03.2014 um 10:37 von Alex
verloren, vergessen

lt. ö. ABGB §388:

§ 388. (1) Verloren sind bewegliche, in niemandes Gewahrsame stehende Sachen, die ohne den Willen des Inhabers aus seiner Gewalt gekommen sind.

(2) Vergessen sind bewegliche Sachen, die ohne den Willen des Inhabers an einem fremden, unter der Aufsicht eines anderen stehenden Ort zurückgelassen worden und dadurch in fremde Gewahrsame gekommen sind.

Beispiel: Ich gehe zur U-Bahn, auf dem Weg über die Stiege (vlg. Treppe in Deutsch) verliere ich meine Geldbörse. Ich bemerke den Verlust in der U-Bahn sitzend und bin so aufgeregt, dass ich auch noch meine Tasche in der U-Bahn vergesse.

ALso ganz einfach, für einen gelernten Österreicher. Schwieriger ist nur noch die Dereliktion: am nächsten tag in der U-Bahn lass ich die Zeitung liegen, ein klassischer Fall einer Dereliktion. Ein paar Tage später ein zerlesenes Taschenbuch. Einige Tage später einen neuen, kaum gelesenen Kriminalroman. Hab ich den nun derelegiert oder nur vergessen?


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untrans.eu
Am 11.03.2014 um 10:51 von Jordi
Wau! Bin beeindruckt!

Wenn ich den Verstand verliere, werde ich das nächste Mal einfach behaupten, ich hätte ihn bloß derelegiert. A ver si cuela...
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Am 17.05.2014 um 02:35 von aldoc
hier original aus dem Schweizer ZGB, Art. 722, in dt, frz, it, rumantsch und engl.:

2 Wird die Sache zurückgegeben, so hat der Finder Anspruch auf Ersatz aller Auslagen sowie auf einen angemessenen Finderlohn.
3 Bei Fund in einem bewohnten Hause oder in einer dem öffentlichen Gebrauch oder Verkehr dienenden Anstalt wird der Hausherr, der Mieter oder die Anstalt als Finder betrachtet, hat aber keinen Finderlohn zu beanspruchen.

2 Lorsqu'elle est restituée au propriétaire, celui qui l'a trouvée a droit au remboursement de tous ses frais et à une gratification équitable.
3 Si la chose a été trouvée dans une maison habitée ou dans des locaux et installations affectés à un service public, le maître de la maison, le locataire ou l'établissement ont les obligations de celui qui a trouvé la chose, mais ne peuvent réclamer une gratification.

2 Se la cosa può essere riconsegnata, egli ha diritto al rimborso di tutte le spese e ad un'equa mercede.
3 Se una cosa fu trovata in una casa abitata o in uno stabilimento destinato al servizio od al trasporto pubblico, il padrone di casa, il locatario o lo stabilimento è considerato come ritrovatore, ma non ha diritto alla mercede.

2 Sche la chaussa vegn restituida, ha il chattader il dretg da survegnir ina indemnisaziun per tut las expensas sco er ina recumpensa adequata.
3 Sch'ina chaussa vegn chattada en ina chasa abitada u en in institut che serva al diever u al traffic public, vegn il patrun-chasa, il locatari u l'institut resguardà sco chattader, senza ch'els hajan dentant il dretg d'ina recumpensa al chattader.

2 If the find is returned to its owner, the finder is entitled to compensation for all outlays and to a suitable finder's reward.
3 In the case of a find made in an occupied house or on premises used for public services or public transport, the head of the household, tenant or supervisor is deemed to be the finder but is not entitled to any finder's reward.
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untrans.eu
Am 18.05.2014 um 03:11 von Jordi
Vielen Dank, aldoc! Das klärt in der Tat einiges: Finderlohn, gratification, mercede, recumpensa und finder´s reward. Vielleicht bilde ich es mir nur ein, aber ich nehme leichte Bedeutungsverschiebungen in den verschiedenen Sprachen wahr. Die zugrunde liegen Idee ist jedoch klar verständlich. Schön!
Sehr interessant auch, dass die Schweiz das ZGB ins Englische übersetzt, das wusste ich gar nicht.
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Am 19.05.2014 um 09:47 von aldoc
Ja, mir scheint die Bedeutung liegt in den 3 romanischen Sprachen näher beim deutschen "Belohnung, Entschädigung", die englische Übersetzung kommt dem dt. Begriff wohl am nächsten.
Dass wir uns in der Schweiz die Mühe nehmen, das ZGB offiziell in einer englischen Version zu publizieren, habe ich als Nichtjurist bisher auch nicht gewusst. Na ja, Steuergelder sind auch schon dümmer verwendet worden ;-)

Hier übrigens noch ein Rumantsch Übersetzer:

http://www.pledarigrond.ch/

und die originalen Gesetzestexte (Sprache re oben wählen):

http://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/19070042/index.html#a722
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untrans.eu
Am 19.05.2014 um 10:28 von Jordi
Sehr interessant, nochmals Danke dafür!
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Am 18.02.2015 um 08:04 von Ramses
Der Staat Israel kennt offenbar auch keinen Finderlohn und keine Dankbarkeit: http://www.handelsblatt.com/panorama/aus-aller-welt/israel-taucher-finden-riesigen-goldschatz/11389182.html
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untrans.eu
Am 18.02.2015 um 08:11 von Jordi
Vielen Dank, Ramses! Ja, Staaten im Allgemeinen kennen leider keine Dankbarkeit. Staaten, so heisst es, kennen auch keine dauerhafte Freunde oder Verbündete, sie kennen nur dauerhafte Interessen (Lord Palmerston, englischer Staasmann, 1784-1865). Die sie obendrein meistens falsch einschätzen, leider...
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Am 11.08.2016 um 05:43 von Makulatur
Die Stadt Hamburg ist genauso geizig und schäbig, wie Lord Palmerston es von Staaten vermutete: http://www.spiegel.de/panorama/hamburg-frau-findet-20-000-euro-im-bus-und-darf-nur-300-behalten-a-1107248.html Hamburg hat den Anstand derelegiert und wenn ihn jemand findet, wird er/sie es sich zwei Mal überlegen, bevor er/sie ihn zurückgibt.
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untrans.eu
Am 11.08.2016 um 05:47 von Jordi
Die arme Frau kann einem Leid tun! So was unverhältnismäßiges! Ich wette, für sie bedeutet das Geld eine Menge, für HH hingegen sind das die Zinsen, die sie in 5 Minuten für ihre Schulden zahlen müssen.
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Am 12.10.2018 um 02:10 von Wolfgang Merz
Die Unterscheidung zwischen verlorenen und vergessenen Gegenständen bei der Bemessung des Finderlohns hat mir den Tag versüßt.
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untrans.eu
Am 12.10.2018 um 02:53 von Jordi
Und der Begriff \derelegiert\ erst! Ich freue mich, dass ich Ihnen eine Freude bereiten konnte.
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