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Freischwimmer


Als ich vor langer Zeit als Kind Deutschland während meiner Sommerurlaube besuchte, wurde ich von Gleichaltrigen oft gefragt, ob ich schwimmen könne. Auf meine bejahende Antwort folgte meistens prompt die Frage nach meinen Schwimmfähigkeiten, oder auch nach meinen Abzeichen, insbesondere schien meine Spielkameraden die Frage, ob ich ein Freischwimmer-Abzeichen hätte, sehr zu interessieren. Leider hatte ich nicht die geringste Ahnung, wovon die Rede war. Als junger Spanier teilte ich die Menschen in Bezug auf ihr Schwimmen in solche, die es konnten, und solche, die es nicht konnten, ein. Das schien mir das natürlichste der Welt. Jetzt weiß ich gar nicht, wie ich schwimmen gelernt habe. Nur eins weiß ich ganz sicher: ich bekam kein Abzeichen, ich bekam von meinen Eltern die Erlaubnis, ins Schwimmbad zu gehen und vom Beckenrand hinein zu springen. Das schien meinen Eltern zu reichen, sie unterzogen mich keiner besonderen Beobachtung, ich konnte frei herumschwimmen (und tauchen, das machte mir mehr Spaß) und sie hatten ihre Ruhe. Oder beobachteten sie mich heimlich? Glaube ich nicht, denn als wir Jahre später Urlaub am Strand machten, galt dasselbe Prinzip: Das Kind kann schwimmen, es wird schon auf sich aufpassen. Und in der Schule? Da gab es Schwimmunterricht, aber niemals bekamen wir Abzeichen dafür. Beim ersten Mal wurden wir auch nur gefragt, ob wir schwimmen könnten. Wer es nicht konnte, der oder dem wurde es beigebracht. Ich konnte es, also durfte ich meine Bahnen schwimmen.
 
Heute erfahre ich dank Wikipedia, dass es in Deutschland immer noch diese Freischwimmer-Abzeichen gibt und viele mehr dazu, die ich nicht kannte. Die haben zum Teil lustige Bezeichnungen (Krebs, Seepferd, Frosch, Pinguin, Tintenfisch, Krokodil, Eisbär, Wal, Hecht, Hai, Delfin…) oder bemühen sich, ernst und amtlich zu klingen (jedenfalls in meinen Ohren: Freischwimmer, Fahrtenschwimmer, Leistungsschwimmer, Jugendschwimmschein…). Die Abzeichen kann man auf der Badehose anbringen, das sieht sicher toll aus. Im Alter von acht Jahren, jedenfalls. Auf der Badekappe haben sie sicher nur Mädchen genäht, schätze ich.
 
Wie man diese Termini alle in andere Sprachen übersetzen soll, ist mir ein Rätsel. Vermutlich muss man zwischen den amtlichen Bezeichnungen und dem alltäglichen Gebrauch durch die Kinder unterscheiden. Und dann etwas Passendes erfinden. Aber was mich völlig von den Socken haut, ist das Totenkopf-Abzeichen. Sehen Sie selbst. Das bekommt man in Schwarz, Silber oder Gold verliehen, wenn man 60, 90 bzw. 120 Minuten im Wasser ausharrt. Da es häufiger Fälle von Unterkühlung gegeben haben soll, wird diese ehemals begehrte Prüfung heute nur noch in beheizten Becken abgenommen (siehe demnächst -> Warmduscher). Oder bei der Bundeswehr, wobei dort aus „Imagegründen“ angeblich auf den Gebrauch des Abzeichens verzichtet wird. Wundert mich nicht, klingt es doch wie Leibstandarte Adolf Hitler und Totenkopfdivision, zwei Beispiele, die sich heute nicht mehr gut zur Schau stellen lassen. Vor allem nicht in der Öffentlichkeit. Also wird das Abzeichen verliehen, aber nicht getragen.
 
Mangels einer Idee, wie man diese Freischwimmer-, Fahrtenschwimmer-, Leistungsschwimmer-, und Totenkopf-Abzeichen ins Spanische oder Englische übersetzen könnte, bleibt mir nur den Kindern und den Rekruten nachträglich zum Erlangen dieser Qualifikation zu gratulieren. Besonders den Rekruten wünsche ich, dass sie die Prüfung in Badehose ablegen durften, ohne Uniform, Tornister, Stiefel und Gewehr.
 
PS: Ähnliche Abzeichen gibt es bzw. gab es in der Schweiz, in Österreich und in der DDR. Curiouser and curiouser...

Kommentare

 
Am 15.03.2014 um 09:54 von Susanne
Hier hat der Deutsche Schwimmverband inzwischen allen Übersetzern aus der Patsche geholfen. Seit ungefähr 1980 heißen die drei Jugendschwimmabzeichen nicht mehr Frei-,Fahrten- und Jugendschwimmabzeichen, sondern ganz simpel Bronze, Silber und Gold! Das "Seepferdchen" ist als Frühschwimm-Abzeichen für die ganz Kleinen hinzugekommen (entry level, early swimmer? - wobei das wirklich noch sehr basic ist, unbeaufsichtigt schwimmen lassen, geht definitiv noch nicht...)
Alles andere sind nette Motivationen für die Kids, aber keine offiziellen Abzeichen mit Ausweis.
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Am 15.03.2014 um 10:24 von Jordi
Vielen Dank für die Erläuterung, Susanne!

Das Problem der Dolmetscher und Übersetzer kann der Deutsche Schwimmverband jedoch nicht in Eigenregie vollständig lösen, fürchte ich. Die Abzeichen mag es nicht mehr geben, die Begriffe sind jedoch weiterhin in Gebrauch.

Na ja, Hauptsache, man überschätzt seine Fähigkeiten im Wasser nicht und ertrinkt nicht.
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